Paroles de vignerons - Vinparleur - Winzer talk

Worum geht’s eigentlich beim Biowein ?

2. Juli 2014, von Sebastian Nickel

Die Antwort auf diese Frage scheint einfacher, als sie letzten Endes ist. Offiziell gibt es „Biowein“ in Europa nämlich erst seit dem Jahrgang 2012, seitdem die gesetzliche Regelung für die Herstellung von Biowein auch im Keller in Kraft getreten ist und vorschreibt, was an önologischen und technischen Eingriffen erlaubt ist oder nicht. Vorher gab’s „Bio“ nur im Weinberg, während bei der Verarbeitung der Trauben gleiche Regeln wie für konventionelle Weine galten.

Bio-Wein

Die offensichtlichste Antwort auf die gestellte Frage betrifft den Einsatz von Pestiziden. Sogenannte synthetische Pflanzenschutzmittel sind im biologischen Weinbau verboten, und eventuelle Rückstände dieser Produkte können daher nicht über das Weinglas in unseren Organismus gelangen. Aber auch die als ökologisch verantwortlich geltenden und im Bio-Weinbau erlaubten Spritzmittel sind nicht immer bedenkenlos einsetzbar. Der Einsatz von Kupfersulfat gegen Pilzbefall führt zum Beispiel über die Jahrzehnte zur Anreicherung dieses immerhin zu den Schwermetallen gehörenden Elements im Boden.

Eine Überlegung, welche François und Vincent Pugibet der Domaine la Colombette bei Béziers in Südfrankreich dazu gebracht hat, sogenannte PIWI Reben anzupflanzen. Die Abkürzung PIWI steht für „Pilzwiderstandsfähig“. Entstanden sind diese Reben aus Kreuzungen zwischen uns bekannten, europäischen Rebsorten und amerikanischen, gegen Pilzbefall resistenten Reben. Oft sind mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte Arbeit notwendig, um bei den Kreuzungen verschiedener Rebsorten ein landwirtschaftlich und geschmacklich nutzbares Ergebnis zu erlangen. Es handelt sich bei den PIWI Reben nämlich in keinem Fall um gentechnisch erzeugte Produkte, sondern ausschließlich um natürliche Kreuzungen. Erste Ergebnisse im Glas dieses auf der Colombette initiierten Projekts ist teilweise überraschend, wenn auch noch relativ weit von unseren geliebten Riesling-, Syrah- und Cabernet-Trauben entfernt. Wichtig ist dabei vor allem aber erst einmal, dass die vor sechs Jahren gepflanzten Weinberge noch nie eine Spritzmaschine gesehen haben. Für Pugibet Vater und Sohn ein zukunftsweisendes Ergebnis, das die europäische Weinkultur grundlegend verändern würde.

Piwi Reben - Domaine La Colombette

Aber es gibt noch andere interessante, wenn auch weniger radikale Geschichten in der Biowein- Welt. Ende Januar fand in Montpellier die Fachmesse „Millésime Bio“ statt, die größte Biowein Messe Frankreichs. Die jährlich wachsende Zahl von Ausstellern, hauptsächlich aus Frankreich, aber zunehmend auch aus Deutschland, der Schweiz, Spanien und sogar Süd-Afrika, zeigt, dass biologischer Weinbau im Trend liegt und offenbar erfolgreiche Weine hervorbringt.

Sind Bio-Winzer experimentierfreudiger?

Beim Stöbern durch die Stände findet man natürlich allerlei „klassische“ Bioweine, gut gemacht und gut schmeckend, von einfach und leicht, bis komplex und ganz groß. Wie ganz normale Weine eben schmecken sollten. Denn zwei nach wie vor verbreiteten Vorurteilen kann man hier gleich widersprechen: Biowein schmeckt weder systematisch „unsauberer“, noch grundsätzlich besser oder feiner als „normal“ hergestellte Weine. Großartig schmeckende Weine können sowohl das Ergebnis konventioneller als auch ökologischer Landwirtschaft sein.
Was allerdings auffällt, ist die Tatsache, dass sich viele Winzerinnen und Winzer noch eine ganze Menge mehr Gedanken machen, als sich nur der Frage zu widmen, womit man denn spritzen sollte. An erster Stelle stehen natürlich der Wunsch und die Überzeugung ökologisch verantwortungsvoll mit dem bearbeiteten Land umzugehen zu wollen oder zu müssen. Die umliegende Natur soll beachtet und mit einbezogen werden, und sie soll sogar Einzug halten zwischen den Rebzeilen, zumindest in landwirtschaftlich verantwortbaren Maßen.
Das Ergebnis dieser Überlegungen ist recht vielfältig und reicht von nachhaltiger Landwirtschaft bis hin zur Biodynamik. Bei der nachhaltigen Landwirtschaft behält man sich zwar vor, chemische Mittel zu benutzen, deren Einsatz wird allerdings nicht mehr systematisch, quasi nach den Kalenderwochen bestimmt, sondern je nach Notwendigkeit, Pflanzenwachstumsstadium, Witterungsumständen und Entwicklungszyklen der Schädlinge errechnet. Bei der Biodynamik spielt vor allem der Wachstums- und Entwicklungsrhythmus der Pflanzen eine Rolle, der sowohl von der umliegenden Natur, als auch von Mond- und Planetenphasen beeinflusst wird.

Besonders interessant...

Besonders interessant finde ich, das ein Grossteil dieser Winzer sich ebenfalls für ökologische und geschmackliche Vielfältigkeit interessieren. Nirgendwo trifft man auf so viel alte und traditionelle Rebsorten, wie auf einer Bioweinmesse: Carignan, Cinsault, Oeillade, Terret, Picpoul... um nur einige, in Frankreichs Süden wieder populär werdende Rebsorten zu nennen. Ich bin sogar auf slowenische Winzer getroffen, welche die alten, einheimischen Rebsorten wie Zelen und Pinela vor dem Verschwinden gerettet haben. Einen einzigen Hektar gab es nur noch im Land, heute immerhin gute 50.
Die Antwort auf die zu Anfang gestellte Frage worum es beim Biowein eigentlich geht, kann sich daher eventuell wie folgt formulieren: Beim Biowein geht es vor allem darum umzudenken: Weg von der Monokultur und der aus den sechziger Jahren geerbten chemischen Landwirtschaft, weg vom rücksichtslosen Umgang mit dem bearbeiteten Grund und Boden, weg vom Gedanken, dass Natur und Landwirtschaft sich widersprechen, weg von agrarkultureller und geschmacklicher Vereinheitlichung.

Der Weg ist sicherlich noch weit, aber der Anfang scheint mir recht gelungen…



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