Paroles de vignerons - Vinparleur - Winzer talk

Früher gab’s mehr #Wein: Kunst 2

17. März 2013, von Sebastian Nickel

Liebe A.,
Heute geht es weiter mit meinen Gedanken über Kunst und Wein. Da in einer Woche viel geschehen kann, hier noch einmal mein letzter Satz vom vergangenen Sonntag (wenn du alles noch einmal lesen möchtest, dann hier):

Befindet man sich in einer Ausstellung oder bei einer Weinverkostung, so bezeichnet man schnell ein Bild als „schön“ oder „hässlich“ und einen Wein als „lecker“ oder „ungenießbar“, aber meistens nur ganz leise, weil man nicht gerne von denen gehört werden möchte, die „Ahnung“ haben.

Weiter:
Bleiben wir erstmal bei der Kunst. Es ist nichts dabei, als ahnungsloser Beobachter durchs Leben zu gehen und sämtliche Werke in zwei Kategorien einzuteilen - „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“. Die Schönheit liegt ja bekanntermaßen im Auge des Betrachters, und ein Kunstobjekt braucht daher nicht unbedingt eine Erklärung, um zu existieren. Nun kann es aber sein, dass ein Ahnungsloser Betrachter eines Tages nach mehr dürstet und Kunst und Gemälde verstehen möchte. In den von Ihm besuchten Kursen und Seminaren, gelesenen Büchern und expliziten Broschüren lernt er daraufhin die Theorie: Kunstepochen und ihre wichtigsten Vertreter, benutzte Techniken und Farbnuancen, spirituelle Antriebe und philosophische Hintergründe, Bildkonstruktionen, Anspielungen auf andere Bilder, zugrunde liegende Ereignisse, Neuinterpretationen.

Der folgende Museumsbesuch wird zur Reise in ein neues Land, dessen Sprache, Kultur und Regeln auf einmal zu verstehen scheint. Schön und hässlich treten in den Hintergrund und machen nach und nach einem weiteren Kriterium Platz: Interessant tritt auf die Bühne. Und mach man zunächst noch Fehler bei der Interpretation und der Zuordnung zu Epoche, Stil und Mahler, so gewinnt das Auge nach und nach an Sicherheit und damit auch an Geschwindigkeit. Ein kurzer Blick genügt, um im Kopf eine schnelle Legende aufzustellen, und das Gemälde in seine groben Linien zu zerlegen, bevor man sich eventuellen Details zuwendet. Man versteht die Sprache der Experten, die Symbolik der ausgestellten Kunst und man akzeptiert vor allem ihre Existenz, auch wenn sie nicht der ästhetischen Vorstellung entspricht. Bis zu einer Gewissen Grenze zumindest, denn Bildung hebt keine Grenzen auf, sondern erweitert und verlegt sie, oder schafft sie sogar neu. Es gibt also auch dann noch Kunstwerke, die man nicht mag oder nicht gut findet, und jeder weiß, dass selbst auf allerhöchstem Niveau Experten gerne streiten.

Zurück zum Wein. Unser Trink- und Konsumverhalten hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Man trinkt lieber weniger, dafür aber besser. Vor allem aber möchte man wissen, was man trinkt, woher der Wein kommt, wie und woraus er hergestellt wurde: Tendenz Weinkurs und Weinseminar steigend. Und dabei geht es uns nicht anders, als dem Kunstliebhaber. Nähern wir uns zunächst rein instinktiv dem Wein, sozusagen mit einer sehr persönlichen Geschmacksästhetik, so lernen wir durch Verkostungsmethoden, Vinifikation und Rebsorten, dass es auch Weine gibt, die interessant sind. Interessant aufgrund ihrer ungewöhnlichen Aromatik oder unbekannten Rebsorten, interessant weil sie eine kulinarische Rarität einer Region darstellen, interessant weil sie anders sind und weil unser geschmacklicher Wissensdurst nach Neuem sucht, interessant, weil man sich an Ungewöhnliches gewöhnen kann und unser Geschmack sich entwickelt. Ein Quäntchen „Liebe zum Geschmack“, dessen bin ich mir sicher, gehört aber immer dazu.

Im Wein, wie in der Kunst gilt also scheinbar nach wie vor, Experten und Novizen haben beide Recht, jeder auf seine Art. Der Geschmack liegt halt im Gaumen des Verkosters.

PS:
Laut Wikipedia ist Kunstwein „ein alkoholhaltiges Getränk, das Wein ähnelt und mit Wein verwechselt werden kann, jedoch kein Wein ist.“
Ein Artikel zur „Weinkunst“ existiert in der deutschsprachigen Wikipedia nicht.



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