Paroles de vignerons - Vinparleur - Winzer talk

Früher gab’s mehr Wein: Flasche

20. Januar 2013, von Sebastian Nickel

Liebe A,
stell Dir einmal vor, Du wärst eine Flasche. Nicht irgendeine Flasche, sondern eine Weinflasche. Was für ein Wein, das kannst Du Dir aussuchen - Silvaner oder Rioja, Torrontes oder Hermitage, Cabernet oder Margeret River - ist mir egal, Hauptsache Wein. Ich suche mir aus ein Languedoc zu sein, das liegt mir nahe (wenn ich auch zu anderen Zeitpunkten gerne etwas anderes sein könnte, zum Beispiel ein frischer Riesling oder ein samtweicher Pinot noir...).

Vor einigen Wochen lud man mich zu „einem entspannten Weinabend unter Freunden“ ein. Wobei ich gleich sagen muss, dass ich niemanden der Anwesenden kannte, nicht einmal die Gastgeberin. Man hatte mich gemietet, um nicht sagen zu müssen „gekauft“. Ein anständiger Preis offenbar, mehr kann man nicht verlangen. Ich bin ja geradezu bekannt für mein äußerst attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis.

Der Abend war lustig, zumindest für die Anderen. Ich selber stand mehrere Stunden am Buffet herum, neben den Gläsern und anderen Flaschen, habe mich nicht einmal getraut etwas zu essen. Geredet hat kaum jemand mit mir, wohl aber über mich. Wiederholt und ohne Scham, gleich vor meiner Nase. Angefasst und umgedreht, von oben bis unten examiniert und mich dann mit Adjektiven wie hübsch (immerhin), nett oder auch mit naja, schauen wir mal abgeurteilt. Eine ältere Dame ließ sich sogar zu einem „Oh Gott, ist denn nichts Anderes da ?“ hinreißen.

Und dabei ist es nicht geblieben. Zu später Stunde, das Licht im Raume schon etwas weinselig, hielt es die unbekannte Gastgeberin für angebracht, mich der fröhlichen Gesellschaft vorzustellen. Wieder wurde ich als nett bezeichnet, vor allem aber als klein und nicht wirklich etwas Besonderes. Ich wäre ja auch noch recht jung, würde es aber wohl auch in den nächsten Jahren zu nichts Höherem bringen. Zu unkomplizierten Situationen würde ich passen, wie zu einfachem Essen und spontanen Anlässen. Die Anwesenden schienen trotz meiner begrenzten Kapazitäten äußerst milde gestimmt, und empfingen mich mit höflichem Beifall. Nur ein junger Herr, mit Anzug, ohne Krawatte, wollte seine eigene Meinung noch kundtun, und bestand darauf, dass ich trotz meiner Freundlichkeit im Allgemeinen wohl etwas flach wäre.

Gerne hätte ich dem etwas entgegnet, aber die Worte blieben mir im Flaschenhals stecken. Die Musik setzte wieder ein, man tanzte und vergaß mich neben dem Buffet. Der restliche Abend war lang und als ich endlich gehen konnte, war ich müde und vollkommen ausgeleert.

Seit diesem Erlebnis frage ich mich, wie es wohl ist eine Weinflasche zu sein und behandele alle Flaschen mit Umsicht und Respekt, egal aus welchem Jahrgang, Rebsorte und Region. Auch kleine Weine können eine Seele haben...



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