Paroles de vignerons - Vinparleur - Winzer talk

Früher gab’s mehr Wein: Fass

27. Januar 2013, von A.

Lieber S.,
ich habe mir das ganz genau vorgestellt eine Falsche zu sein und es hat mir gar sehr gefallen. Durchsichtig, filigran und beweglich und leicht und frei zu sein, so stellte ich mir das vor. Allerdings nur zuerst. Dann hat mich der Gedanke erschreckt, zwar von allen angefasst, aber doch nicht wirklich beachtet zu werden. Und schließlich, zu guter Letzt auch noch ausgeleert zu den anderen, wahrscheinlich auch sprachlosen, Flaschen gestellt zu werden. Fast wäre ich daran zerbrochen.

Seitdem denke ich über mein Leben nach und frage mich ob mir etwas fehlt? Ehrlich gesagt: ich weiß es nicht, denn es geht mir gut, ich bin nützlich und glücklich. Aber: ich kann hier nicht weg. Zumindest nicht aus eigener Kraft. Denn ich bin ein Weinfass, stell dir vor. Also bleibe ich, wo ich bin und denke nach, während ich so im Keller liege. Dunkel ist es, ein wenig feucht und auch kühl. Um mich herum viele Brüder und Schwestern, genauso klein und dick und rund wie ich.

Natürlich bin ich ein barrique aus guter deutscher Eiche, ausgerechnet möchte man meinen, liege ich doch in Frankreich. Aber hier geht es eben seit jeher sehr traditionell zu. Vor ungefähr 10 Jahren hat mich ein Küfer nur ein paar wenige Meter weit entfernt in der kleinen Werkstatt des Châteaux gebaut. Seitdem liege ich hier und in mir gärt und plätschert es; zwischen 18-24 Monate wird der außerordentlich hervorragende, weltberühmte Tropfen Bordeaux in meinem dicken Bauch zu dem was er ist. Exakt 225 Liter - ab und an werde ich vollkommen entleert, dann fühle ich mich auch leer, aber kaum bin ich neu gefüllt, fühle ich mich auch schon wieder besonders. Irgendwie privilegiert.

Und genauso werde ich auch behandelt - wöchentlich abgestaubt, mit einem Wedel, etwas husch husch, aber immerhin erfrischend und mit tastenden Händen kontrolliert.

Am schönsten sind die Tage an denen ich von weitem Stimmen höre, die leise raschelnd näher kommen. Meist sind es fremde Sprachen: Englisch, Japanisch und neuerdings auch oft Chinesisch. Wenn ich Glück habe, bleiben die Stimmen vor mir stehen und ich kann an ihrem Ton hören, wie fasziniert und beeindruckt sie sind. Da ist es mir egal, dass sie nicht immer nur mich, sondern auch den gärenden Wein in mir meinen. Sie fassen mich an, kitzeln mich im Nacken und tätscheln mich an der Seite. Manchmal öffnen sie auch das kleine Loch auf meinem Rücken.

Was für ein Gefühl - frische Luft zu atmen, während sie den Wein kosten und ich das schlabbernde „aaaahhhh“ und „oohhhh“ hören kann.
Das sind doch schöne Besuche, die Menschen strahlen, lachen und lächeln und gehen sehr glücklich und fröhlich wieder weg.

Manchmal möchte ich ihnen folgen, aber was soll es - was kann man sich denn Schöneres vorstellen als so ein Leben als Weinfass?



Eine Nachricht, ein Kommentar?
  • Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Wer sind Sie?


Pierre Cros


Le Clos l’Abbé


Parler vin avec les mains


Château du Cèdre


Santa Duc


Champagne Paul Lebrun


Champagne J.Vignier





   

Agenda

Chargement de l'Agenda...

| Impressum | Aktivitäten verfolgen RSS